Wing Tzun

Das Wing Tzun (WT) System ist ein chinesischer Kungfu-Stil. Der Name kommt aus dem Kantonesischen (詠春 / 咏春 "wing6 cheun1") und kann mit "Ode an den Frühling", bisweilen auch als "schöner" Frühling" übersetzt werden.

Das Kantonesische lässt mehrere Arten der Aussprache zu, wodurch mehrere Schreibweisen entstehen konnten (es gibt keine eindeutige Romanisierung). Damit sich Verbände und Organisationen eindeutiger von einander abgrenzen konnten bekamen diese verschiedenen Schreibweisen auch eine markenrechtliche Relevanz. Gebräuchlich Varianten sind so z. B. Wing Tsun (W.T.), Wyng Tjun, Ving Tsun (V.T.), Wing Tzun, Wing Chung, Wing Shun, Wing Tsung, Wing Tsjun, Wing Tjuen, Ving Chun (VC), Wing Do, etc.

Die Erfindung dieser Kampfkunst geht auf die Shaolin-Nonne Ng Mui zurück. Sie lebte vor ca. 300 Jahren in den Bergen der chinesischen Provinz Yunnan, im "Weißen Kranich Tempel". Inspiriert zu dem neuartigen Kampfsystem wurde sie durch die Beobachtung eines Kampfes zwischen einem Fuchs und einem Kranich. Der Kranich wehrte die Biss-Angriffe des Fuchses mit schlagenden Schwingen ab, gleichzeitig attackierte er ununterbrochen mit schnellen Schnabel-Stößen. Ng Mui war beeindruckt von dem Konzept einer Gleichzeitigkeit (von Abwehr und Angriff) und machte dies zur Basis für ihre neue Technik, zusammen mit dem Ansatz, dass die Körperkraft des Anwendenden keine Hauptkomponente in diesem Stil sein dürfe.

Die schöne Yim Wing Tzun war ihre erste Schülerin und gab diesem System ihren Namen. Dank der überragenden Technik konnten die beiden Frauen Kämpfe gegen Männer gewinnen, die ihnen an reiner Körperkraft deutlich überlegenen waren. In dieser Zeit wurde des Wissen vom Wing Tzung System nur im Geheimen und innerhalb der Familie oder engsten Vertrauten gelehrt, aber auch weiter verbessert und erweitert.


Yip Man

Erst Großmeister Yip Man (1893 - 1972) brach mit dieser Tradition der geheimen Lehre und eröffnete eine öffentliche Schule in Hong Kong. Zu seinen Schülern gehörte auch Bruce Lee. Leung Ting (1947 - ) war der letzte Meisterschüler ("Closed-Door Student") von Meister Yip, dem er sein ganzes Wissen übergab und es ebenfalls mit ihm weiterentwickelte. Als Begründer und Präsident der IWTA (International Wing Tsun Association) trug Meister Leung Ting zur weltweiten Verbreitung des WT bei, in mehr als 56 Ländern wird die Kampfkunst unterrichtet.

Sein Schüler Dai-Sifu K. R. Kernspecht brachte WT 1976 nach Europa und gründete die EWTO ('European Wing Tzun Organization). Seitdem unterrichtete er mehrere Generationen von hochqualifizierten Kampfkunstausbildern. Sein erfolgreichster Schüler war Emin Boztepe, der Begründer des EBMAS.

Was macht Wing Tzun aus?

Das WT ist ein sehr durchdachtes Kampfkunstsystem, dem ganzheitliche Prinzipien zugrunde liegen. Es behält sich vor, für "alles eine Gegenmaßnahme" zu haben, wodurch es sich gegen viele Kampfstile und Disziplinen behaupten kann.

Das WT ist ein vergleichsweise sehr ökonomisches System, das mit einer relativ geringen Anzahl von Bewegungen auskommt, sowohl im Angriff als auch in der Abwehr. Dekorative Akrobatik, stilistische Bewegungen und Tricks findet man hier nicht. Aufgrund der wenigen und direkten Bewegungen gilt WT als eines der schnellsten Kampfkunstsysteme.

Revolutionierend im WT, im Vergleich zu vielen traditionellen Kampfkünsten, ist das Prinzip der Gleichzeitigkeit. Dahinter steckt, dass zu jedem Zeitpunkt Angriff und Verteidigung (Gegenangriff abwenden) simultan ausgeführt wird. Hierdurch wird das WT nochmals schneller.

Abgerundet wird das WT durch das Konzept der Zentrallinie, eine gedachte Linie zwischen den (geometrischen) Mittelpunkten von Angreifer und Verteidiger. Auf dieser produziert der WT-Anwender den Vorwärtsdruck auf den Gegner, womit dessen Schwerpunkt am empfindlichsten gestört wird.

Jede Aktion im WT folgt den Vier Kraftprinzipien:

  1. Befreie dich von deiner eigenen Kraft.
  2. Befreie dich von der Kraft deines Gegners.
  3. Nutze die Kraft des Gegners.
  4. Füge deine eigene Kraft zu der Kraft deines Gegners hinzu. 

Hinzu kommen die Vier Bewegungsprinzipien:

  1. Wenn der Weg frei ist, stoße vor!
  2. Bekommst du Kontakt zum Gegner, bleibe kleben.
  3. Ist die Kraft des Gegners größer, gib weich nach.
  4. Weicht der Gegner zurück, folge ihm!

Dies sind die essentiellen Eckpfeiler des Wing Tzun Kuen Kungfu. Die Umsetzung dieser Prinzipien ist das Trainingsziel und Voraussetzung für die erfolgreiche Anwendung in einer Kampfsituation.